Der Mossenberger als solcher stellt sich weit weniger dumm an als die Mossenberger Geschichten vermuten lassen. Bekanntester Sohn des kleines Ortes ist ein Ex-Bundeskanzler.

Mossenberg-Wöhren

Gerhard Schröders Geburtsort gibt sich bescheiden

Blomberg-Mossenberg/Wöhren. Im Dorfgemeinschaftshaus hängt er gleich vorne rechts: Gerhard Schröder. Der Deutsche Kanzler ist ein echter Mossenberger. Gerahmt in hellem Holz. Und das ist kein „Mossenberger“.

Mossenberg-Wöhren
Mossenberg-Wöhren, Foto: Rüdiger Haase

„Doch es gibt keinen Grund, sich darauf etwas einzubilden“, sagt Ortsvorsteher Wilfried Topp. Schließlich habe Schröders Mutter nur zwei Jahre mit ihrem Sohnemann in dem roten Backsteinhaus – Topp nennts scherzhaft „den Bahnhof“ – gewohnt. Und dass Topp, selbst gebürtiger Mossenberger, die Familie nicht gekannt hat, heißt schon was. Stolz sein können die Mossenberger und Wöhrener auf andere Dinge: Zum Beispiel auf die intakte Dorfgemeinschaft. Als es 1993 darum ging, ein Dorfgemeinschaftshaus zu errichten, packten alle mit an. Auch Wöhrener waren mit im Boot. Einer von ihnen war der Malermeister, der das gesamte Haus strich. Unentgeldlich natürlich. Im Mai 1994 wurde er eingeweiht, der Treffpunkt für Plattdeutsche, Senioren und Hobbymaler, aber auch die erste Adresse am Ort für Familienfeiern. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Bewirtschaftet wird das Dorfgemeinschaftshaus vom Heimatverein Mossenberg-Wöhren.

Ohne den, sagt der Ortsvorsteher, läuft im Dorf ohnehin nichts. Kein Wunder, sind doch weit mehr als die Hälfte der knapp 300 Einwohner der beiden Orte hier Mitglied. 1963 von 35 Dorfbewohnern gegründet, ist der Verein, der Kinder- und Dorffeste, Ausflüge und Klönabende organisiert, mittlerweile auf 181 Mitglieder angewachsen. Auch für die Kinder wird in Mossenberg und Wöhren reichlich getan: Insgesamt drei Spielplätze können die beiden Orte vorweisen – entstanden sind sie größtenteils in Eigenleistung. Womit deutlich bewiesen wird, dass sich der Mossenberger als solcher weit weniger dumm anstellt als die Mossenberger Geschichten, die Topp während seiner Schulzeit noch im Lesebuch fand, vermuten ließen.

Etwa die Geschichte über den Wanderburschen, der einen Kürbis bei sich trug und ihn den Mossenbergern als Eselsei verkaufte. Diese warfen das vermeintliche Ei, nachdem sie es tagelang vergeblich ausgebrütet hatten, in eine Hecke. Heraus kam ein Hase. Da hätten sie wohl länger brüten müssen, ärgerten sich die Mossenberger im Nachhinein. Oder die Geschichte über die Mossenberger, die versuchten, die Wöhrener Kapelle zu klauen. Auf vorher ausgestreuten Erbsen sollte das Gebäude mit Seilen und Manneskraft ins Nachbardorf gezogen werden. Echte Mossenberger eben, die vermutlich ein Landvermesser Mitte des 18. Jahrhunderts aufgeschrieben hat. Hobbymaler Reinhard Haase hat sie gekonnt in Szene gesetzt. Auch seine Bilder zieren die Wände des Dorfgemeinschaftshauses. Ein Zeichen dafür, dass die Mossenberger auf ihre Geschichten stolz sind. Getreu dem Motto „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ werden die Geschichten nicht nur beim eigenen Heimatfest nacherzählt. Auch einen Festwagen mit einer vier Meter hohen Kapellen-Nachbildung haben die Mossenberger. Und sind damit auf Festen der Nachbarn gern gesehene Gäste.

Apropos Wöhrener Kapelle: Sie wurde um 1600 erstmalig urkundlich erwähnt. Während die Glocke, die aus dem Jahre 1680 stammt, noch heute über den beiden Dörfern klingt, wurde die Uhr erst 1932 eingebaut. Tom Ossenberg, wie Mossenberg früher hieß, tauchte 1488 erstmals auf. Damals wohnten 117 Personen in 17 Kolonaten. Bereits gut 100 Jahre später war die Bevölkerung auf 200 angewachsen.

Auch heute noch ist das Interesse, im „lippischen Schilda“ zu leben, groß. Obwohl es weder Lebensmittelgeschäft noch Kindergarten, Schule oder gar eine Kirche gibt. Auch keinen Friedhof. Aber damit haben sich die Dorfbewohner arrangiert. Und nicht nur die Alteingesessenen. Gerade wurden zwölf neue Eigenheime fertiggestellt, zwei weitere folgen. Unter den Häuslebauern sind viele Neubürger. Die schätzen die hohe Lebensqualität auf dem Land. „Und natürlich das preiswerte Bauland“, gesteht Topp schmunzelnd.

Infos

  • Einwohnerzahl: 293
  • Größe: 3442321 Quadratmeter

Besonderheiten

  • Mossenberger Geschichten
  • Geburtsstätte von Bundeskanzler Schröder
  • Kapelle in Wöhren

Infrastruktur

Dorfgemeinschaftshaus, drei Spielplätze, drei landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe in Wöhren, einer in Mossenberg

Vereine

Heimatverein Mossenberg-Wöhren mit Plattdeutscher Gruppe, Malgruppe und Seniorengruppe

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung von der Lippischen Landes-Zeitung im Jahre 2000 übernommen und 2008 aktualisiert.

Zum Schluss noch ein paar Stichworte zum Ortsteil.